Das Gefühl zu träumen

Prolog. So ein Nachmittag vorm Praterstadion vergeht eigentlich recht schnell. Die Leute sind lieb, die Sonne scheint genau richtig wenig, die Securitys geben sich weniger blöd als gewohnt.

Entree. Die Vorband heißt irgendwas mit Temptation, ist extrem amerikanisch, aber gar nicht mal so scheiße.

Start me Up. Die kleine Italierin, die seit 10 Uhr da ist, kriegt jetzt fast einen Nervenzusammenbruch. Viel besser geht’s mir eh auch nicht. Der Umstand, dass das versammelte Weltheldentum wenige Meter vor einem steht, ist eine der surrealsten zu machenden Erfahrungen.

Tumbling Dice. Ich glaube, in den Minuten, in denen sie dieses Lied spielen, sterben auf der Welt statistisch gesehen weniger Menschen. Man stirbt nicht, wenn Bobby Keys Saxophon spielt. 

Angie. Ich mag ja dieses Lied eigentlich nicht besonders. Eigentlich. Heute fährt es mir derart in die Glieder, dass ich glaube, mein Blut stockt. Und warum glänzt hier überhaupt alles so? Das kann doch nicht wahr sein.

Out Of Control. Mein Name ist Keith Richards, ich mache Riffs. Die Nummer gibt so viel Kraft, ich weiß aber momentan nicht, wohin damit. Benommen macht ihr mich.

Midnight Rambler. Der große Mick Taylor betritt die Bühne und spielt das Solo, das nur Mick Taylor kann. Der bleiche Keuschling mit Les Paul, seiner Geliebten. Das Gefühl zu träumen kommt jetzt immer öfter.

Gimme Shelter. Die extrem frauliche Lisa Fischer lebt über den Bühnensteg und ergreift Besitz von 55.000. Ich gehöre ihr. Jetzt weine ich zum ersten Mal. Ich greife den Mann neben mir an, um Bezug zu bekommen. Viel helfen tut’s aber gar nicht.

You Can’t Always Get What You Want. Das Lied, wo letztlich immer alles passt. Begleitet wird die neunminütige Ekstase vom Chor der Wiener Singakademie. So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein.

Fin. Ich liege am äußeren Kunstrasen des Praterstadions und suche meine Fassung im Wiener Nachthimmel. Ich bin zerschlagen, perplex, weiß auch nichts. Ich fühle mich wie verdaut und wieder auf den Boden gespien. Sind Babys eigentlich traurig, wenn sie auf die Welt kommen? Ich glaube, ja.

Epilog. Als ich diese Zeilen schreibe, höre ich You Got The Silver von Keith. Geht’s mir besser? Ein bisschen. Würd ich’s wieder tun? Jeden Tag meines Lebens.

stones

Für dieses Foto bedanke ich mich bei http://www.schattenblicke.at

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