Der Fall Conchita

So: Ich mag die Wurst. Ich mag das Lied. Ich finde, es ist ein Gutes, gebracht von einer hervorragenden Sängerin.

Aber diese große einhellige Toleranz-Yippie-Yippie-Yeah-Wolke, die mir heute, Sonntag vorgesetzt wird, geht mir aber sowas von auf den Sack. Gottseidank ist morgen eh wieder Montag, da sind wir dann nur mehr so mittel-tolerant. Und Mittwoch ist es schon wieder allen WURST.

Aber darum geht es mir gar nicht so sehr. Zumindest nicht jetzt, nicht hier.

Der Eurovision Song Contest ist ein Liederwettstreit. Unterschiedlich viele Länder der europäischen Rundfunkunion entsenden ihre Kandidaten, um dort ein originäres Lied vorzutragen. Die Zuseher sind angehalten, nach den Auftritten aller Künstler für das beste Lied abzustimmen. Das beste Lied.

Was ich aber in den vergangenen Jahren gesehen habe, war etwas anderes, das kann kein Liederwettstreit gewesen sein. Titten, Pyrotechnik, geile Kleider, Zirkusnummern, politische Botschaften und Gott so viele Titten. Besonders schöne Gesichter gewinnen den Contest, besonders memorable Shows oder eben besonders aufregende Menschen, die etwas haben, wofür sie stehen. Letzteres gestern.

Wenn beim größten Liederwettstreit der Welt nun aber nicht mehr das beste Lied gewinnen darf, dann sollen sie den Kontinental-Singsang doch bitte endlich einstellen. Dann ist der ganze Song-Contest-Zirkus obsolet, todkrank, irreparabel kaputt. Arrivederci.

Ich bin auch einer der Menschen, die es nicht abkönnen, wenn Bono Vox im Praterstadion zehn Minuten lang inne hält, um von Burma zu reden und der Frau, die sie da immer einsperren. Wenn ich zu U2 ins Happel gehe, will ich eine Rockshow sehen, und wenn ich den Eurovision Song Contest sehe, will ich 26 Mal drei Minuten Popseligkeit geliefert bekommen.

Am besten würde ich ja finden, man würde diesen ganzen Wettstreit hinter einem Vorhang abhalten, wie bei der Sendung mit Xavier Naidoo. Oder im Radio. Dann könnte wieder Musik gewinnen. Nicht das geilste Kleid, nicht das höchste Feuer, nicht die dicksten Titten und auch nicht die größte Message, die der Künstler vor sich herträgt.

„Songs can’t save the world“, hat Bob Dylan mal gesagt. Natürlich tun sie das nicht. Sollen sie ja auch gar nicht. Jeder, der das glaubt, hat nichts verstanden – auch nicht heute.

So: Ich bin damit einverstanden, dass Conchita Wurst gestern gewonnen hat. Ich mag die Wurst. Ich mag das Lied. Ich finde, es ist ein Gutes, gebracht von einer hervorragenden Sängerin. Aber wenn mich in dieser Sekunde Ingrid Turnher aus dem Kastl anschaut und irgendwas von einer gesellschaftspolitischen Ansage für ganz Europa spricht und ich das höchst befremdlich finde – habe ich dann etwas falsch verstanden, oder sie?

 

 

PS: Was zur gottverdammten Hölle haben die Polinnen gestern gemacht???

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Ein Kommentar zu “Der Fall Conchita

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